FSD in Deutschland: Startet ein chinesisches System vor Tesla? Der große Überblick zum Stand des assistierten Fahrens
Anders als oft angenommen ist Teslas „Full Self-Driving" in Deutschland nicht freigeschaltet: Das Kraftfahrt-Bundesamt prüft noch, die niederländische Zulassung ist hierzulande nicht anerkannt. Und der europaweite Durchbruch stockt – Frankreich und Schweden haben dem aktuellen Stand eine Absage erteilt, die entscheidende EU-Abstimmung wurde vertagt. Genau in diese Lücke stößt Xpeng: Der Hersteller testet sein KI-System bereits auf deutschen Straßen und will „das erste chinesische Unternehmen" sein, das hochwertiges assistiertes Fahren nach Europa bringt. Wir erklären den Regulierungs-Stand, vergleichen die Systeme von Tesla, Xpeng, BYD und Zeekr – und beantworten die spannende Frage: Kann ein chinesischer Hersteller in Deutschland vor Tesla starten?
Erstmal Klartext: Was „FSD" wirklich ist – und was nicht
Bevor wir zum Wettrennen kommen, ein entscheidender Punkt, der fast überall untergeht: Keines der hier besprochenen Systeme ist autonomes Fahren. Tesla „Full Self-Driving (Supervised)", Xpeng NGP, BYD „God's Eye" und die Systeme von Zeekr sind allesamt Level-2-Assistenzsysteme nach der internationalen SAE-Skala. Das bedeutet: Der Fahrer muss durchgehend aufmerksam bleiben, die Hände in Reichweite haben und jederzeit eingreifen können. Die rechtliche und praktische Verantwortung bleibt vollständig beim Menschen.
Der Zusatz „Supervised" (überwacht) bei Tesla ist genau deshalb da. Und wenn Xpeng von „Level 2++" spricht, ist das Marketing – eine solche Stufe existiert in der offiziellen SAE-Klassifikation nicht. Echtes autonomes Fahren beginnt erst bei Level 3 (das Auto fährt unter bestimmten Bedingungen selbst, der Fahrer darf sich abwenden) und Level 4 (kein Fahrer mehr nötig). In diesen Klassen spielt in Deutschland bislang keines der Consumer-Systeme – dort ist aktuell Mercedes mit seinem zertifizierten Level-3-System „Drive Pilot" führend, das aber nur auf Autobahnen bis zu einer bestimmten Geschwindigkeit funktioniert.
- Level 0–1: Assistenz einzelner Funktionen (Tempomat, Spurhalter)
- Level 2: Längs- und Querführung gleichzeitig, Fahrer überwacht dauerhaft – hier stehen FSD, NGP, God's Eye & Co.
- Level 3: Auto fährt bedingt selbst, Fahrer darf sich abwenden, muss aber übernehmen können – Mercedes Drive Pilot
- Level 4: Vollautonom in definierten Bereichen, kein Fahrer nötig – Robotaxis
- Level 5: Vollautonom überall – existiert nicht als Serienprodukt
Der Stand bei Tesla: In Deutschland ausgebremst
Teslas Weg nach Europa läuft über einen regulatorischen Trick: Die niederländische Zulassungsbehörde RDW erteilte am 10. April 2026 als erste in Europa eine Typgenehmigung für FSD (Supervised) – nach eigenen Angaben nach über 18 Monaten Tests und 1,6 Millionen Kilometern europäischer Straßendaten. Rechtsgrundlage ist die UN-Regelung R171 für Fahrassistenzsysteme, kombiniert mit einer Ausnahmeklausel für neue Technologien (Artikel 39 der EU-Typgenehmigungsverordnung).
Von dieser einen niederländischen Genehmigung ausgehend, erkannten mehrere Länder das System per gegenseitiger Anerkennung an – ohne eigene Tests: Litauen, Estland, Dänemark und Belgien. Deutschland gehört ausdrücklich nicht dazu.
Warum es in Deutschland stockt
Zwei Bremsen wirken gleichzeitig. Erstens die deutsche: Das KBA legt sich nicht auf die niederländische Genehmigung fest, sondern will eine eigene, fundierte Position erarbeiten – Branchenkenner erwarten eigene Hochgeschwindigkeitstests, denn Deutschlands Autobahnnetz ohne generelles Tempolimit ist ein Sonderfall, den weder US- noch China-Daten abdecken. Zweitens die europäische: Was Tesla eigentlich will, ist eine EU-weite Typgenehmigung, die das System in allen 27 Staaten gleichzeitig freigäbe. Der zuständige Ausschuss (TCMV) setzte für den 30. Juni 2026 aber keine Abstimmung an, sondern nur „Fortsetzung der Diskussionen" – Branchen-Tracker rechnen nun frühestens im Oktober oder Dezember mit einem Votum, die EU-weite Anerkennung könnte auf Anfang 2027 rutschen. Der Grund ist wachsende Skepsis mehrerer Mitgliedstaaten:
- Frankreich: Verkehrsminister Philippe Tabarot erklärte am 22. Juli 2026, FSD werde „in seiner jetzigen Form" nicht zugelassen – die Sicherheitsabwägungen reichten noch nicht aus. Es ist keine pauschale Ablehnung, aber Frankreich will einen harmonisierten EU-Rahmen mit gemeinsamen Testprotokollen statt eines Flickenteppichs auf Basis einer einzigen nationalen Behörde.
- Schweden: Die Verkehrsbehörde empfahl der EU, FSD abzulehnen, solange Tesla nicht die Funktion entfernt, mit der das Fahrzeug bewusst schneller als erlaubt fährt.
- Finnland, Dänemark, Norwegen: Bedenken zum Umgang mit Tempolimits und zum Verhalten auf vereisten Straßen. Norwegen kritisiert zusätzlich, dass die RDW den Sicherheitsnutzen selbst nur als „marginal positiv" einstuft und Teslas Marketing nicht zur technischen Dokumentation passe.
Der Stand bei Xpeng: Tests in München, Marktstart 2027
Xpeng hat die deutsche Bühne bewusst gewählt. Am 16. Juli 2026 stellte die Marke bei ihrem „Brand Day" in München – ausgerechnet in BMWs Heimatstadt – ihr System der nächsten Generation vor: den Next Generation Pilot (NGP), basierend auf dem KI-Modell VLA 2.0 (Vision-Language-Action). CEO He Xiaopeng hatte das System zuvor am 14. Juli persönlich im deutschen Straßenverkehr getestet.
Die Ansage ist deutlich: He erklärte, er hoffe, Xpeng werde „das erste chinesische Unternehmen", das fortgeschrittenes intelligentes assistiertes Fahren nach Europa bringt. Der offizielle Marktstart des NGP in Europa ist für Anfang 2027 geplant – vorbehaltlich der jeweiligen nationalen Zulassungen. Nach Unternehmensangaben kann das System bereits europäische Verkehrsschilder erkennen, lokale Verkehrsregeln und Vorfahrtssysteme verstehen und sich an europäische Fahrgewohnheiten anpassen; für die Navigation kooperiert Xpeng in Europa mit Google Maps.
Der Stand bei BYD, Zeekr & Co.
BYD „God's Eye": BYD hat sein Assistenzsystem God's Eye Anfang 2025 in China zur Gratis-Serienausstattung über fast die gesamte Modellpalette gemacht – ein Paukenschlag, der den Preiskampf auf die Software ausweitete. Das Spitzensystem „God's Eye A" nutzt LiDAR. In Europa hält sich BYD bei der Freischaltung fortgeschrittener Funktionen bislang zurück und konzentriert sich auf die Grundausstattung an Assistenz; einen konkreten Termin für ein FSD-ähnliches System in Deutschland gibt es nicht.
Zeekr: Die Geely-Premiummarke verfügt in China ebenfalls über ein LiDAR-gestütztes Assistenzsystem und positioniert sich technisch im oberen Feld. Für Europa liegt der Fokus aktuell auf dem Marktaufbau; die fortgeschrittenen Fahrfunktionen aus China sind hier noch nicht freigegeben.
Der gemeinsame Nenner: Alle chinesischen Hersteller haben in China einen erheblichen technischen und datenseitigen Vorsprung aufgebaut – aber der Weg nach Europa führt für jeden einzeln über dieselbe regulatorische Hürde, an der gerade auch Tesla hängt.
| Hersteller | System | Sensorik | Stand in Deutschland |
|---|---|---|---|
| Tesla | FSD (Supervised) | nur Kameras | KBA prüft – nicht aktivierbar, nur als Abo kaufbar |
| Xpeng | NGP (VLA 2.0) | Kameras (+ LiDAR je nach Modell) | Tests laufen, Marktstart 2027 geplant |
| BYD | God's Eye | Kameras + LiDAR (Topversion) | Grundassistenz, kein FSD-Pendant angekündigt |
| Zeekr | (Geely-Stack) | Kameras + LiDAR | fortgeschrittene Funktionen nicht freigegeben |
| Mercedes | Drive Pilot | Kameras + LiDAR + Radar | einziges Level-3-System, Autobahn (Referenz) |
Die Kernfrage: Kann ein chinesischer Hersteller Tesla überholen?
Die ehrliche Antwort: In Deutschland ist das Rennen tatsächlich offen – und das ist der eigentliche Kern der Sache. Denn anders als vielfach angenommen ist Tesla hierzulande noch gar nicht am Ziel.
In Deutschland hat noch niemand ein aktivierbares System
Das ist der entscheidende Punkt: Tesla FSD ist in Deutschland nicht freigeschaltet, das KBA prüft noch. Xpeng peilt seinen Europa-Start für 2027 an, BYD und Zeekr haben keinen Termin. Es gibt also aktuell kein FSD-ähnliches, frei nutzbares System in Deutschland – weder von Tesla noch von einem chinesischen Hersteller. Der Wettlauf um das erste aktivierbare System auf deutschen Straßen ist damit noch völlig offen.
Kann Xpeng vor Tesla starten? Durchaus denkbar
Hier wird es spannend. Teslas Weg hängt an zwei Bremsen – dem prüfenden KBA und dem Widerstand in Frankreich, Schweden und Skandinavien. Sollte Tesla gezwungen werden, sein System nachzubessern (Speeding-Funktion, Fahrerüberwachung), verliert es weiter Zeit. Xpeng dagegen tritt von Anfang an mit einer anderen Strategie an: enge Kooperation mit europäischen Partnern (Autoliv für Sicherheitssysteme, Google Maps für Navigation) und die ausdrückliche Betonung, Sicherheit habe „oberste Priorität". CEO He Xiaopeng hat offen das Ziel formuliert, das erste chinesische Unternehmen mit fortgeschrittenem assistierten Fahren in Europa zu sein. Wenn Xpeng seinen 2027er-Start mit einer sauberen, konservativ ausgelegten und breit anerkannten Zulassung hinbekommt, während Tesla in Deutschland und der EU noch im Prüf- und Nachbesserungs-Modus hängt, ist ein Szenario, in dem der Chinese hierzulande gleichzeitig oder sogar früher startet, keineswegs abwegig.
Warum Deutschland und die EU so zögern
Das Zögern der Regulierer ist kein Anti-Tech-Reflex, sondern hat nachvollziehbare Gründe, die für alle Anbieter gelten – ob aus Texas oder Guangzhou:
- Der Name führt in die Irre: „Full Self-Driving" suggeriert autonomes Fahren, obwohl es ein Level-2-System ist. Norwegen lehnte Teslas Demonstrationsmaterial ab, weil nicht klar genug werde, dass es sich um Fahrerassistenz handelt.
- Tempolimit-Problem: Ein System, das bewusst zu schnell fahren darf, ist mit europäischem Verkehrsrecht schwer vereinbar.
- Nordische Bedingungen: Verhalten auf Eis, Schnee und schlecht markierten Landstraßen ist in den USA und China kaum trainiert.
- Der Flickenteppich: Frankreichs Kernkritik – eine einzige nationale Behörde (RDW) soll nicht faktisch für die ganze EU entscheiden. Es brauche gemeinsame Testprotokolle.
- Haftungsfrage: Solange der Fahrer verantwortlich bleibt (Level 2), ist die Rechtslage klar. Der Sprung zu Level 3+ verschiebt die Haftung zum Hersteller – ein juristisches Großprojekt.
Für die chinesischen Hersteller ist diese Gründlichkeit paradoxerweise eine Chance: Wer von Beginn an mit einem europakonformen, konservativ ausgelegten System antritt, das keine Tempolimits überschreitet und ehrlich als Assistenz beworben wird, umgeht genau die Konflikte, an denen Tesla gerade hängt.
Was das für Autofahrer in Deutschland heißt
- Noch nichts aktivierbar: Ein FSD-ähnliches System lässt sich in Deutschland aktuell nicht nutzen – Teslas FSD ist beim KBA in Prüfung, chinesische Systeme sind noch nicht am Start. Wer heute Teslas FSD-Paket kauft, zahlt für eine hierzulande vorerst nicht freischaltbare Funktion.
- Kein Freibrief: Sobald eines der Systeme kommt, bleibt es Level 2 – unabhängig vom Marketing-Namen darf man sich nicht vom Verkehr abwenden. Wer das tut, haftet bei einem Unfall voll.
- 2027 wird spannend: Mit Xpengs NGP-Start, einer möglichen KBA-Entscheidung und einem EU-Votum könnte sich das Angebot binnen Monaten öffnen – und der Wettbewerb die Preise drücken.
- Level 3 bleibt die Ausnahme: Echtes zeitweise autonomes Fahren gibt es in Deutschland weiterhin fast nur bei Mercedes, und nur unter engen Bedingungen.
Häufig gestellte Fragen
Ist Tesla FSD in Deutschland freigeschaltet?
Nein. Das Kraftfahrt-Bundesamt (KBA) hat die niederländische Typgenehmigung nicht anerkannt und prüft das System noch. FSD (Supervised) ist in Deutschland nicht aktivierbar. Käuflich ist nur das FSD-Paket (zuletzt als Abo für rund 99 Euro monatlich) – die Funktion selbst lässt sich hierzulande aber nicht nutzen. Anerkannt haben die niederländische Genehmigung bislang nur Litauen, Estland, Dänemark und Belgien.
Ist FSD autonomes Fahren?
Nein. Trotz des Namens „Full Self-Driving" ist es ein Level-2-Assistenzsystem. Der Fahrer muss durchgehend aufmerksam bleiben und jederzeit eingreifen können. Gleiches gilt für Xpeng NGP, BYD God's Eye und die Zeekr-Systeme.
Warum haben Frankreich und Schweden FSD abgelehnt?
Frankreich will keinen Alleingang auf Basis der niederländischen Genehmigung, sondern einen harmonisierten EU-Rahmen mit gemeinsamen Testprotokollen. Schweden fordert, dass Tesla die Funktion entfernt, mit der das Auto bewusst schneller als erlaubt fährt. Beides sind Bedingungen, keine pauschalen Verbote.
Startet ein chinesisches System vor Tesla in Deutschland?
Möglich. In Deutschland ist noch kein FSD-ähnliches System aktivierbar – Teslas FSD steckt beim KBA in der Prüfung, Xpeng plant seinen Start für 2027. Sollte Tesla wegen der Kritik aus Frankreich und Skandinavien nachbessern müssen und das KBA weiter zögern, könnte Xpeng mit seinem konservativer ausgelegten NGP-System durchaus gleichzeitig oder sogar früher in Deutschland an den Start gehen.
Welches chinesische Assistenzsystem ist am weitesten?
In der Europa-Vorbereitung ist Xpeng am weitesten: Es testet sein NGP (VLA 2.0) bereits auf deutschen Straßen und hat einen konkreten Marktstart für 2027 genannt. BYD (God's Eye) und Zeekr sind in China technisch stark, haben für Europa aber keinen Termin für ein FSD-Pendant kommuniziert.
Was bedeutet „Level 2++"?
Es ist ein Marketingbegriff ohne offizielle Grundlage. Die SAE-Klassifikation kennt nur die Level 0 bis 5. „Level 2++" soll ein besonders leistungsfähiges Level-2-System suggerieren, ändert aber nichts daran, dass der Fahrer voll verantwortlich bleibt.
Welche Rolle spielt LiDAR?
Ein zentraler Streitpunkt: Tesla setzt ausschließlich auf Kameras, während die meisten chinesischen Hersteller (BYD, Zeekr, teils Xpeng) zusätzlich LiDAR-Sensoren verbauen. LiDAR erkennt Hindernisse und Entfernungen unabhängig von Lichtverhältnissen präziser, ist aber teurer. Welcher Ansatz sich durchsetzt, ist eine der großen offenen Fragen der Branche.