Deutschland und Frankreich wollen die CO2-Regeln für Neuwagen lockern und im Gegenzug strengere „Made in Europe“-Vorgaben einführen. Laut einem gemeinsamen Positionspapier vom 15. Oktober sollen Kaufprämien und öffentliche Aufträge nur noch Autos zugutekommen, die in Europa montiert werden und mindestens 70 Prozent europäische Wertschöpfung haben. Für chinesische Hersteller ist das ein weiterer Grund, Werke in Europa zu bauen – und mehrere haben bereits reagiert.

Leapmotor B10 Elektro-SUV
Leapmotor B10: Seit Oktober 2026 läuft das SUV im Stellantis-Werk Zaragoza vom Band – als erster Leapmotor aus Europa.
Bild-Quelle: Leapmotor

Der Tausch: 90 Prozent CO2-Minderung gegen Local Content

Kern des deutsch-französischen Papiers ist ein politischer Handel. Frankreich trägt die Lockerung der Flottengrenzwerte mit: Ab 2035 sollen die CO2-Emissionen neuer Autos nur noch um 90 statt 100 Prozent gegenüber 2021 sinken – und anders als im Vorschlag der EU-Kommission vom Dezember 2025 müssten die Hersteller die restlichen 10 Prozent nicht ausgleichen. Deutschland gibt dafür beim Industrial Accelerator Act nach und unterstützt strengere Herkunftsregeln, als Berlin ursprünglich wollte.

Beide Teile sollen gleichzeitig beschlossen werden. Noch ist es kein EU-Recht: Europaparlament und Rat müssen zustimmen, die Regierungen rechnen mit einem Inkrafttreten des Automobilpakets 2027. Die Debatte um das Verbrenner-Aus 2035 und seine Folgen für China-Autos bekommt damit eine neue Richtung.

Was als „Made in Europe“ gelten soll

Für 2028 und 2029 sieht das Papier vor, dass ein Auto in Europa endmontiert wird und mindestens 70 Prozent der Komponenten-Wertschöpfung aus Europa stammen – die Batterie ist dabei ausgenommen. Als europäisch gelten Fahrzeuge aus den 27 EU-Staaten; Länder, die am 1. Januar 2020 am Binnenmarkt teilnahmen – etwa Großbritannien und laut Diplomaten auch die EWR-Staaten –, könnten unter Bedingungen hinzukommen. Ob die Türkei oder Marokko als europäisch gelten, ist offen; Branchenvertreter beider Länder drängen darauf.

Für die Batterie gelten laut Berichten über das Papier eigene, zunächst niedrige Schwellen. Außerdem sollen in Europa gebaute Elektroautos bei den CO2-Flottenwerten mit dem Faktor 1,2 angerechnet werden, kleine E-Autos mit 1,4. Staatliche Kauf- und Leasingprämien sollen an die Herkunftsregeln gebunden werden – das betrifft auch Programme wie die deutsche E-Auto-Prämie, von der chinesische Marken bislang ebenfalls profitieren.

Datum des Papiers15.10.2026 (Deutschland und Frankreich)
CO2-Ziel 2035-90 % gegenüber 2021, ohne Ausgleich der restlichen 10 %
Endmontagein Europa (2028/2029)
Europäische Wertschöpfungmind. 70 % der Komponenten (ohne Batterie)
Batterie 2028/2029mind. 10 % mit drei europäischen Kernkomponenten (laut Berichten)
Batterie 2030/203120 % (laut Berichten)
Batterie 2032–2034mind. 70 % mit fünf europäischen Kernkomponenten (laut Berichten)
CO2-Bonus „Made in Europe“Faktor 1,2 für E-Autos, 1,4 für kleine E-Autos
FörderungKauf-/Leasingprämien und öffentliche Beschaffung nur bei erfüllten Anteilen
Inkrafttretenoffen, Regierungen rechnen mit 2027

Stand 19.10.2026. Positionspapier, noch kein beschlossenes EU-Recht; Details können sich in den Verhandlungen ändern.

Chinesische Hersteller: „Erschwert das Geschäft, stoppt es aber nicht“

Auf dem Pariser Autosalon zeigten sich chinesische Manager unbeeindruckt. Changan-Präsident Zhao Fei sagte: „Wir sind entschlossen, lokale Fertigungskapazitäten zu errichten.“ Changan will bis 2028 jährlich 180.000 Autos in Europa bauen, bis 2030 350.000; die ersten Fahrzeuge sollen Anfang 2027 vom Band laufen, Standort und Partner sind noch offen. Xpeng-Vizepräsident Yeqing Zheng kündigte an, weitere Werke in Betrieb zu nehmen, sobald die Regeln gelten. Chery-Chef Yin Tongyue nannte lokales Design, Ingenieure, Produktion und Lieferkette als Ziel.

Einige Marken produzieren bereits in Europa: Xpeng lässt G6, G9 und P7+ bei Magna in Graz fertigen, Leapmotor baut den B10 seit Oktober in Zaragoza, BYD will im ungarischen Szeged noch im vierten Quartal 2026 mit der Serienfertigung beginnen. Mehr zum Werk in Spanien steht in unserem Bericht zur B10-Produktion in Zaragoza.

Changan Nevo Q05
Changan Nevo Q05: Die Marke will ab 2027 in Europa produzieren, Standort und Partner sind noch offen.
Bild-Quelle: Changan

Die Lücke bei der Batterie

Umweltverbände sehen genau hier den Schwachpunkt. Weil die 70-Prozent-Regel die Batterie ausklammert und die Batterieschwellen anfangs niedrig sind, könnten nach Einschätzung von Transport & Environment auch in Europa montierte Autos mit chinesischen Zellen das Label „Made in EU“ erhalten. Laut T&E stammte schon 2025 mehr als die Hälfte der Zellen in den in der EU verkauften E-Autos aus europäischer Fertigung – die geplante Schwelle läge also unter dem heutigen Stand. Für Hersteller wie BYD oder Leapmotor, die ihre Batterien aus China mitbringen, wäre ein europäisches Werk damit zunächst die entscheidende Hürde, nicht die Zellchemie.

Was Käufer wissen sollten

Für heutige Käufer ändert sich vorerst nichts: Das Papier ist eine Verhandlungsposition, die Herkunftsregeln greifen nach bisherigem Plan frühestens 2028. Wer jetzt ein China-Elektroauto mit Prämie kauft, ist davon nicht betroffen. Mittelfristig dürfte sich aber entscheiden, welche Modelle förderfähig bleiben – in Europa gebaute wie der Leapmotor B10 oder die Xpeng-Modelle aus Graz wären klar im Vorteil gegenüber reinen Importen.

Was haben Deutschland und Frankreich zum Auto-Paket vorgeschlagen?
Laut einem gemeinsamen Positionspapier vom 15.10.2026 sollen die CO2-Emissionen neuer Autos ab 2035 um 90 statt 100 Prozent sinken, ohne Ausgleich für den Rest. Im Gegenzug sollen strengere „Made in Europe“-Regeln gelten, an die Förderungen gebunden werden.
Was bedeutet „Made in Europe“ im Papier konkret?
Für 2028 und 2029 muss ein Auto in Europa endmontiert werden und mindestens 70 Prozent der Komponenten-Wertschöpfung aus Europa haben; die Batterie ist davon ausgenommen. Als europäisch gelten die 27 EU-Staaten, Großbritannien könnte unter Bedingungen hinzukommen.
Bekommen chinesische E-Autos dann keine Prämie mehr?
Importierte Autos würden die Herkunftsregeln nicht erfüllen und wären von Kauf- und Leasingprämien ausgeschlossen. In Europa gebaute Modelle chinesischer Marken, etwa der Leapmotor B10 aus Zaragoza, könnten weiter förderfähig sein, wenn sie die Anteile erreichen.
Ab wann gelten die neuen Regeln?
Noch gar nicht: Es handelt sich um ein Positionspapier, Europaparlament und Rat müssen zustimmen. Die Regierungen rechnen mit einem Inkrafttreten des Automobilpakets 2027, die Herkunftsregeln sind ab 2028 vorgesehen.
Wie reagieren chinesische Hersteller?
Changan kündigte in Paris eigene Werke an, mit 180.000 Autos pro Jahr bis 2028 und 350.000 bis 2030. Xpeng will weitere Werke starten, sobald die Regeln gelten, Chery strebt Entwicklung, Produktion und Lieferkette in Europa an.

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Philipp Wiedmaier
Über den AutorPhilipp WiedmaierGründer & Chefredakteur

Philipp Wiedmaier hat chinaelektro.de 2025 gegründet und verantwortet die Redaktion. Er wertet MIIT-Zulassungsdaten und Herstellerangaben aus und ordnet ein, welche der über 500 erfassten Modelle tatsächlich nach Deutschland kommen – mit Blick auf Preis, Zölle und Marktstart.

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